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Ein sehr interessantes Interview mit Dieter Nuhr zur Premiere von Nuhr die Wahrheit

Herr Nuhr, in was für einer Gesellschaft wollen Sie leben?
Ich finde die Frage sehr problematisch. Es hat niemals eine menschliche Gesellschaft gegeben, in der man sich das hätte aussuchen können. Man wird in eine Gesellschaft reingeboren und dann hat man die Verantwortung daran mitzugestalten. Aber die Frage, in was für einer Gesellschaft möchte ich leben und so muss die Gesellschaft dann werden, führt meist zu großen Komplikationen.

Das ist eine ideologische Denkweise, die ich eigentlich schon schlimm finde, weil sie dazu führt, dass Menschen versuchen Gesellschaft radikal umzumodeln und Gewachsenes radikal umzustoßen, was in den meisten Fällen zu furchtbaren Turbulenzen geführt hat.

Die Gesellschaft ist kein Wunschkonzert, in der man sich aussuchen könnte. So wie Leute in den 60er und 70er Jahren systemkritisch rangegangen sind und gesagt haben, wir möchten, dass die Gesellschaft so und so aussieht und wenn das nicht so ist, ist das falsch. Dann habe ich auch das Recht, den Arbeitgeberpräsidenten umzuschießen oder Mauern zu bauen und meine Gesellschaft einzuknasten.

Darf man keine Wunschvorstellungen von einer Gesellschaft haben?
Ich glaube, dass Ideologien – Wunschvorstellungen von einer Gesellschaft – uns noch nie besonders weit gebracht haben. Sondern, dass man bei Gesellschaft immer am Vorhandenen arbeiten muss und das ist oft mühselig. Aber alles andere ist gefährlich.

Natürlich habe ich Wunschvorstellungen mein Umfeld betreffend. Natürlich möchte ich gerne in einer Gesellschaft leben, in der Menschen selbständig ihre Entscheidungen treffen dürfen. Ich möchte in einer freiheitlichen Gesellschaft leben. Das ist mir sehr wichtig. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der jeder die Freiheit hat, an Bildung und am Wohlstand teilzunehmen. Je nachdem, wie er das will und wie er das möchte und das er das frei entscheiden kann.

Ich glaube in dieser Frage steckt eine Illusion. Eine Illusion, dass man Gesellschaft einfach so gestalten könnte. Gesellschaft ist nicht gestaltbar. Und die Leute, die versuchen uns das einzureden, sind meistens nicht die, die mir sympathisch sind. Das geht bei der Linkspartei los, die uns vorgaukelt, wir könnten unsere Gesellschaft – da wird das meist mit positiven Begriffen belegt - „solidarisch gestalten“, was soviel heißt, wie unsere Klientel soll Geld bekommen, oder: wir wollen die Freiheit anderer einschränken. Da bin ich sehr, sehr kritisch.

Ein Programm-Thema: Redefreiheit. Heute sei die Situation in Deutschland vergleichbar mit der vor 1945. Was meinen Sie damit?
Ich glaube es ist das erste mal seit 1945, das wir eine Situation haben, in der man nicht mehr frei sagen darf, was man denkt. Wo man aufpassen muss, dass nicht einer mit der Waffe vor der Tür steht. Wenn man nichts sagt hat man keinen Ärger, dass ist die gleiche Haltung wir vor 1945. Es sei denn man ist schwul oder Jude. Aber ich glaube, so was sollte man in Teheran heute auch nicht sagen. Es ist eine sehr komplizierte Situation. Man kann sich nicht raushalten

Hat man als Kabarettist da nicht einen größeren Spielraum?
Bei uns gibt es eine besondere Form der künstlerischen Freiheit. Da kann man sich schon ein bisschen mehr raus nehmen auf der Bühne und die Leute müssen es schlucken.

Es gibt Bereiche in dieser Welt, wo zivilisierte Umgangsformen noch nicht angekommen sind. Das es Bereiche gibt, wie Religionsfreiheit, Redefreiheit – das was hier in den letzten 200 Jahren mühselig erkämpft worden ist – ist bei denen noch nicht angekommen. Es stellt sich jetzt die komische Situation dar, dass sich nicht irgendwelche korrupten Regime gegen die Redefreiheit stellen, sondern ganze Völker.

Es ist interessant und wird meines Erachtens viel zu wenig diskutiert, dass Unfreiheit viel weniger von staatlichen Gebilden ausgeht, als von nicht-staatlichen Organisationen. Von Privatleuten, die ihre Sicht der Welt durchsetzen wollen.

Man darf Witze über den Islam machen?
Ich erwarte eigentlich, dass das hier möglich ist. Wir haben Meinungsfreiheit. Was mich manchmal enttäuscht, ist zu sehen, wie Leute das manchmal wegstecken: Das geht jetzt nicht mehr mit der freien Rede. Das ist schade, aber es war schön.

An dem Karikaturenstreit hat mich maßlos geärgert, das soweit ich weiß nur eine Zeitung in Deutschland die Karikaturen abgedruckt hat (Die Welt) und die anderen Zeitungen haben sich davor gedrückt. Ich wollte diese Karikaturen sehen, um mir eine Meinung darüber machen zu können. Die Zeitungen haben versagt, alle – bis auf die eine. Normal hätten es alle Zeitungen bringen müssen. DA verläuft die Kulturfront.

Ich möchte, dass mit unserer Redefreiheit respektvoll umgegangen wird. Ich meine, wie viele Papstpuppen sind verbrannt worden in Teheran? Da fragt keiner mal, ob jemand unserer Kultur gegenüber Respekt entgegen bringt.

Ich sehe keinen Sinn darin, den Glauben anderer Leute zu beleidigen. Ich rede nur über meine eingeschränkte Freiheit. Das finde ich ein interessantes Thema, darüber auf der Bühne zu reden. Übrigens ein sehr lustiges.

Empfinden Sie Religionen als intolerant?
Jede Religion ist intolerant, sobald sie an der Macht ist. Das war beim Christentum nicht anders. Religionen werden immer dann tolerant, wenn sie nichts mehr zu sagen haben in der Gesellschaft.

In dem aktuellen Programm gibt es eine Stelle, wo es heißt: „Vor 1945 war es auch nicht anders, da kam dann eben die Gestapo und heute machen das unsere Freunde aus dem Nahen Osten“. Das lustige ist, Leute sitzen da im Publikum und denken: Mein Gott, das kann er doch nicht sagen. Ich rede pauschal. Von den radikalen Islamisten.

Bei dem aktuellen Programm dreht sich ja sehr vieles um diese Themen. Lag Ihnen sehr viel daran dass auf der Bühne einmal zur Sprache zu bringen?
Ich hatte bei keinem Programm noch nie so das Bedürfnis etwas zu sagen, wie bei dem aktuellen Programm. Gerade weil man das Gefühl hat, dass einem Mund verboten wird. Viele Kollegen meinen dagegen, Themen wie Islamismus kann man nicht thematisieren.

In ihrem aktuellem Programm vergleichen Sie diese Haltung der Deutschen mit der in den Jahren vor 1945. Wo sehen Sie da Parallelen?
Das ist natürlich überspitzt formuliert. Heute ist es so, dass wenn man seine Redefreiheit wahrnimmt, körperlich Angst haben muss. Weil irgendwelche Irren auf die Idee kommen: den sprengen wir weg. Man muss es befürchten. Es gibt ja Leute, die das erlebt haben. Der Karikaturist in Dänemark, der wie ich meine eine halbwegs kritische Karikatur gemacht hat, die nichts besonderes beinhaltet. Auch nichts besonders islamfeindliches, sondern die Situation so wiedergegeben hat wie sie ist. Nämlich: Er hat Mohammed mit einer Bombe unterm Turban dargestellt. Das ist eine gute Darstellung der Situation, wie sie im Moment Realität ist in dieser Welt. Dieser Mann muss um sein Leben fürchten. Salman Rushdie ist es ähnlich gegangen. Der ein ganz tolles Buch geschrieben hat, „Die satanischen Verse“. Es wird leider immer nur unter diesem Skandal gesehen. Da wird das Thema Redefreiheit plötzlich konkret.

Wie können wir gegen diese Haltung vorgehen?
Wir müssen darüber diskutieren. Es wird meines Erachtens viel zu wenig diskutiert. Dazu gehört auch, dass Unfreiheit heute viel weniger von staatlichen Gebilden ausgeht, als vielmehr von Privatleuten, die ihre Sicht der Welt durchsetzen wollen.

Wen meinen Sie damit?
Gerade was Datenschutz angeht, haben die Leute große Angst haben vor einer Staatsmacht, die längst im Sterben begriffen ist. Ich habe im Moment eher Angst davor, dass der Staat völlig in die Bedeutungslosigkeit gerät und uns deswegen auch nicht mehr schützen kann vor diesen Menschen.

An welche Menschen denken Sie dabei konkret?
Ich denke an Islamisten, an religiöse Fundamentalisten überhaupt. Ich denke auch an Mafiaähnliche Strukturen; an Netzwerke, die existieren und die Gesellschaft umgestalten, ohne das demokratisch kontrollieren zu können.

So wie Russland mit seiner Privatwirtschaft, der Energieversorgung, umgeht. Einfach zu sagen, dann machen wir halt den Hahn zu, wenn es ihnen gerade passt. Man kann zu dem Problem mit Weißrussland stehen wie man will, aber alleine, dass solche Staatskonzerne wie Gazprom jetzt plötzlich in einer freien Marktwirtschaft ihre Marktmacht nutzen, um Politik zu machen. Das ist sehr bedrohlich, finde ich.

Das sich dann Bundesligisten, wie Schalke 04, ihre Trikots von denen finanzieren lassen und sagen, das sind jetzt unsere Freunde, weil die unsere Trikots bezahlen, unser Stadion, finde ich ganz, ganz schlimm und ist auch ein Grund für mich, Schalke nicht mehr zu mögen. In Russland funktioniert die gesamte Gesellschaft indessen, aber nicht staatliche Netzwerke.

Birgt das auch Gefahren für unser Land? Gibt es Parallelen?
Unser Land ist beispielhaft, was das angeht. In unserem Land ist es sehr viel besser, als man es gemeinhin wahrnimmt. Bei uns existieren diese Netzwerke noch nicht so, weil der Anteil der verantwortungsbewussten Menschen extrem hoch ist, glaube ich. Das wird weitgehend unterschätzt. Weil ja alle immer glauben, die da oben sind alles Machtmenschen. Ich glaube, dass unser Land immer noch sehr zivilisiert regiert und wirtschaftlich gestaltet wird im Vergleich zu anderen Teilen dieser Erde. Wir haben vorbildliche, bürgerliche Gesellschaft.

Ich glaube, im Moment verändert sich Gesellschaft über Privatgesellschaften. durchaus auch positiv. In China wird ein großer Teil des Milliardenvolkes in den Mittelstand gehoben. Das wird ja auch übersehen bei der Globalisierung, dass das vielen Menschen große wirtschaftliche Vorteile bringt und überhaut das Leben erst lebenswert macht.

Letztes Jahr gab es bei uns die Unterschichtendebatte. Ich fand es sehr lustig, dass gerade Leute, die sich als sozial verstehen, behauptet haben, es gibt bei uns keine Unterschicht. Das sei eine Beleidigung. Was ich lächerlich finde, weil jede Gesellschaft eine Unter- und eine Oberschicht hat. Es sei denn, alle sind exakt gleich. Das wäre eine Horrorvorstellung. Im Übrigen hätte es auch mit Gerechtigkeit wenig zu tun, weil es der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit von Menschen gar nicht entspricht das alle gleich sind. Oder dem unterschiedlichen Willen zur Leistung nicht entspricht.

Ich fand es ganz lustig, dass gesagt wurde: Darf es nicht geben, also gibt es auch keine. Das fand ich sehr witzig. Dazu kommt, dass wir ein massives Unterschichtenproblem haben in Deutschland. Das geht bei der Bildung los. Wir haben einfach unglaublich viele Menschen, deren Bildungsstandard nicht so ist, dass sie in dieser Welt in Zukunft noch Arbeitsplätze finden könnten. Das ist eines unserer zentralen Probleme. Einfach zu behaupten, dass es diese Problem nicht gibt, ist mehr als witzig.

Und die daraus resultierende Armut?
Im Gegensatz zur Unterschicht, wird behauptet, dass es in Deutschland sehr viel Armut gibt. Das ist relativ, weil Armut global gesehen etwas anderes bedeutet, als Armut in Deutschland. Wenn man in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, hat man einfach das große Los gezogen auf dieser Welt. Es geht einem wesentlich besser, selbst wenn es einem hier schlecht geht, als den allermeisten anderen Menschen auf der Erde.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Formen von Armut zu uns kommen, die in anderen Ländern als Armut empfunden werden. Wir haben kein gottgegebenes Recht darauf, besser zu leben, als Inder und Chinesen. Wir müssen uns den Zustand, dass es uns besser geht, auf dem Weltmarkt erarbeiten. Wir haben immer geglaubt, dass ist selbstverständlich und das ist es jetzt nicht mehr. Das ist natürlich nicht lustig oder wünschenswert. Natürlich ist es wünschenswert, dass es allen Menschen gut geht, aber es ist nun mal so, dass sich die Welt verändert. Im Moment nicht unbedingt in unserem Sinne.

Wie könnte man es ändern?
Es gibt Menschen, die uns vorgaukeln, man könnte an dieser Situation etwas ändern. Das ist so, wie wenn der Keller voll Wasser läuft und man möchte Gesetze machen, die verbieten, dass Wasser nach unten läuft. Das funktioniert nicht. Die Welt verändert sich zur Not auch ohne uns. Eine Freundin von mir ist Politikberaterin und war neulich in China. Da hat man sie gefragt, wo sie herkommt und sie hat geantwortet: „Aus Deutschland“. Da hat man zu ihr gesagt: „Ah, Deutschland, Deutschland schläft und China arbeitet. Wir wollen auch irgendwann mal schlafen können“. Ich finde das sagt viel aus über die Wahrnehmung Deutschlands in der Welt.



Pressetext 'Nuhr die Wahrheit'

Nuhr die Wahrheit! Geht das überhaupt? Natürlich nicht. Schließlich lügt der Mensch den ganzen Tag, schon weil er die Wahrheit gar nicht aushält. Dieter Nuhr, Deutschlands Experte Nr. 1 in Sachen Realität, kann selbst verheerende Wahrheiten aussprechen und der Saal tobt vor Vergnügen. Das ist dann wohl auch der Grund, warum selbst größte Hallen ruckzuck ausverkauft sind, wenn Deutschlands beliebtester Kabarettist vorbeikommt.

Auf „Ich bin’s Nuhr“, das vielleicht erfolgreichste deutsche Kabarettprogramm überhaupt, folgt nun die ultimative Wahrheit – über das Leben, die Liebe, Quantenphysik, Geschlechtsorgane, Religion, Geist und Sonderangebote. Und die Wahrheit lautet: Alles gelogen! Aber unglaublich witzig!

Es geht um Glauben, Wahrheit, Verschwörung, Hoseneinkauf, Zuhören, Waschbären und Schöpfungsmythen - mithin um alles, das ganze Leben und die bittere Realität – und wie immer, wenn Nuhr eine Bühne betritt, wird blitzartig klar: Nichts ist so witzig wie der Zusammenprall von Lüge und Wirklichkeit!

Wenn große Worte an der Wirklichkeit zerplatzen, werfen sich auch medizinisch anerkannte Humoramputierte vor Lachen vom Stuhl. Das Ganze ist wissenschaftlich, theologisch und vor allem humoristisch fundiert. Und auf der Bühne glänzt Nuhr mit einem Charme, der auch Themen wie Sterbehilfe oder religiösen Fundamentalismus geschmackssicher und brüllend komisch daherkommen lässt.

Ein Mann, ein Mikrofon, ein begeistertes Publikum. Keine Tänzerinnen, kein Gesang, Nuhr die Wahrheit. Beim Ticketkauf ist Eile angebracht. Die Wahrheit werden die meisten wohl wieder nicht erfahren, weil es schon im Vorverkauf heißt: Ausverkauft.



Ein Interview welches Sophia aus Wesel mit Dieter Nuhr geführt hat

1. Wie gefällt es Ihnen in so einer kleinen Stadt wie Neukirchen-Vluyn aufzutreten?
So lang es dort gute Eisdielen gibt, sind alle Städte gute Städte. Und da ist Neukirchen-Vluyn ja gut bestückt.

2. Hatten Sie vor Ihrem Auftritt Zeit sich Neukirchen-Vluyn anzugucken?
Ich habe mir die ganze Stadt angesehen, war allerdings auch relativ schnell fertig damit...

3. Woher nehmen Sie die Ideen und Witze für Ihre einzelnen Programme?
Keine Ahnung. Wenn ich das wüsste. Da gibt es kein System oder so was.

4. Haben Sie vor Ihren Auftritten Lampenfieber?
Das hält sich in Grenzen, ich kenne das Programm ja schon, und wenn man es dann ein paar mal gespielt hat, steigert sich die Ruhe. Bei neuen Sachen bin ich schon nervös.

5. Sind Sie auch privat so humorvoll?
Sagen wir mal so: ich glaube schon, dass bei uns zu Hause viel gelacht wird.

6. Werden Sie auf der Straße erkannt?

Kommt vor, die meisten Leute sprechen einen aber nicht direkt an, lächeln vielleicht oder gucken nur. Das ist eigentlich sehr nett.

7. Was wollten Sie als Kind werden?

Keine Ahnung mehr, das ist bei mir ja nun schon eine Weile her. Inzwischen gibt es Elektrizität und fließend Wasser, da ändern sich die Prioritäten...

8. Was hat Sie dazu gebracht Kabarettist zu werden?

Andere Leute, die wollten, dass ich bei ihnen in der Theatergruppe mitspiele, da bin ich allein übrig geblieben.

9. Wen wollen Sie (am liebsten) mit Ihren Programmen erreichen?
Da habe ich keine Vorlieben. Da kann kommen, wer will.

10. Arbeiten Sie schon an einem neuen Programm?
Da arbeite ich eigentlich immer dran, ich schreibe ja ständig, und daraus entsteht dann irgendwann wieder was neues.

11. Werden Sie wieder nach Neukirchen-Vluyn kommen?
Da gehe ich von aus, aber der Termin steht noch nicht fest.

12. Welche Voraussetzungen meinen Sie muss ein Jugendlicher mitbringen um Kabarettist zu werden? Was würden Sie ihm empfehlen?

Humor ist nicht schlecht. Ein bisschen Bildung kann auch nicht schaden, denn wenn man etwas über die Welt zu erzählen hat, ist es doppelt spannend.



Dieter Nuhr in WILD, Abiturientia 1996 des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums zu Gütersloh

Liebe Team-Secretary, erst mal lieben Dank für den netten Brief, der mich allerdings vermuten lässt, dass Du (Alt-68-er-Duz-Gewohnheit, vom älteren Bruder übernommen) beim Programm mitgeschrieben hast, eine sehr unschöne Angewohnheit, da sie den Verkauf meines Buches behindert, egal.

Selbstverständlich freue ich mich, wenn ich von jungen Menschen angesprochen werde. Das gibt mir das Gefühl, trotz meiner 35 Jahre noch mitten im Leben zu stehen. Außerdem bin ich glücklich, wenn die nachfolgende Generation den Rat älterer Mitbürger ernst nimmt, anstatt missbilligend auf uns Senioren zu blicken und uns den Kiefernsarg an den Hals zu wünschen. Ich will deshalb den Wunsch nach einem Gruß gerne nachkommen: Guten Abend allerseits *.

Bald wird auch für Euch der Ernst des Lebens beginnen (eine Floskel, deren Sinn ich nie verstanden habe, deren Bezug aber gerade an dieser Stelle angebracht ist, wie meine Mutter meint, die mir in Grußangelegenheiten als Büroangestellte zur Seite steht). Auch ich habe damals als junger Abiturient (1979, Kruzifix! Vor 17 Jahren!) geglaubt, weiterhin ein lebenswertes Leben führen zu können, habe jedoch weit über zehn Jahre gebraucht, bis ich eine Gelderwerbsmöglichkeit gefunden hatte, die weder mit Schwielen an den Händen, noch mit frühem Aufstehen verbunden war.

Auch die anderen hatten ihre postabituriellen Probleme. Und während die großmäuligsten Schulkameraden indessen auf Karrieren als Sachbearbeiter, Industriekaufmann und Betriebswirt zurückblicken, haben es gerade die, bei denen niemand damit gerechnet hätte, zu außerordentlichen Berufen gebracht (Künstler, Blumenladenbesitzer, Clochard).

Es zeigt sich somit, daß das wahre Potential der Menschen erst nach der Schulzeit offenbar wird. Man sagt, das Geld liege auf der Straße. Ich muß dem nach langjährigen Suchen eindeutig widersprechen! Der Beruf an sich bleibt, bei aller Arbeitslosigkeit, immer noch die sicherste Form des Überlebens. Dennoch halte ich ein langes Studium mit ausgiebigen Urlauben, zeitweilig wechselnden Partnern, gelegentlichem Akoholgenuß und vor allem ziellosem, aber weltinteressiertem (!!!) Suchen für eine zeitweilig wünschenswerte Lebensform, die die viel zu kurze Zeitspanne zwischen Leben und Tod zumindest ein paar Jahre lang angenehm zu füllen, in der Lage ist.

Arbeit an sich ist zwar sinnvoll (irgendjemand muß sie ja machen), jedoch ohnehin knapp, so daß man sich nicht vordrängeln sollte. Die Angebotspalette unserer Universitäten aber bietet für jeden sinnvollen Zeitvertreib, für den Sportler, wie für den Künstler, für den geisteswissenschaftlich Interessierten, wie auch für den Paranoiker, der als Psychologe unter seinesgleichen bleiben kann.

Frohes Leben, Lieben und Genießen!

Mit herzlichen Grüßen

Dieter Nuhr

* angeregt durch den Sportschaumoderator Faßbender



Handzettel: 'Nuhr in...'

Hallo,

guten Abend, schön, dass sie gekommen sind. Denn ohne Publikum ist so ein Abend für den Künstler irgendwie sinnlos. Ich freue mich übrigens wirklich, das ist keine Floskel. Denn heute Abend will ich was von Ihnen. Sie sind heute Versuchskaninchen. Denn das Programm, das sie heute Abend sehen, ist ja in dem Sinne noch kein Programm, es ist eine Art "Preview", ein Ausblick auf ein kommendes Programm, also ein ganz besonderer Abend, weil er so sicher nicht noch mal gespielt wird. Es wird nämlich noch jede Menge Mist rausgestrichen. Aber das werde ich natürlich niemanden öffentlich sagen - außer ihnen. Unter uns sozusagen...

Sie nehmen also Teil am Werden und Vergehen eines Programms, dem Programm "www.nuhr.de", das Sie vielleicht schon von der CD kennen. Ich habe Teile davon schon veröffentlicht - weil ich mich einfach nicht zurückhalten kann. Da liegen Texte zu Hause rum, und dann will ich auch was draus machen...

Und jetzt wird das Ganze komplettiert zu einem abendfüllenden Theaterabend. Wobei Theater eigentlich übertrieben ist. Es passiert ja nichts. Es gibt weder Tanz, noch Gesang, keine Kostüme, kein Bühnenbild, also, ja, wie nennt man das ? Vielleicht Minimaltheater. Eigentlich fast wie bei den alten Griechen, noch vor der Erfindung der Tragödie: Da sitzt einer und erzählt. Bloß dass damals noch keine Handys klingelten. Und da es ja ein archaischer Theaterabend bleiben soll, wird allen, deren Handy heute während der Vorstellung klingelt, das Ohr abgeschnitten. Dies nur als kleine Warnung...

Ansonsten gibt's nichts zu sagen. Ich werde ihnen was vorlesen. Und dann ist es ja auch irgendwann wieder vorbei. So ist das Leben: Ein Kommen und Gehen. Wir alle müssen irgendwann gehen. Warten sie damit wenigsten bis nach der Vorstellung...